Konzert, Lesung und Podiumsdiskussion
Beles, belles… / Der Busant von Peter Bichsel
Ensemble Diabolus in musica (Axelle Tamby Bernage, Nicolas Sansarlat) / Désirée Meiser
Moderatorin: Eva Oertle
Ort: H95, Basel
Beles, belles…
Im Herzen des 13. Jahrhunderts, im nordfranzösischen Raum, entsteht ein ebenso seltenes wie faszinierendes poetisches Korpus: die chansons de toile, auch chansons d’histoire genannt. Diese in altfranzösischer Sprache (langue d’oïl) verfassten Gedichte, überliefert in mittelalterlichen Handschriften, verleihen einem weiblichen „Ich“ ihre Stimme, welches mit überraschender Kraft und zugleich grosser Zartheit das Recht auf liebendes Begehren einfordert.
Charakteristisch für diese Kompositionen ist die enge Verbindung von Erzählung und alltäglicher Geste: Die junge Protagonistin adligen Standes singt, während sie liest, webt oder stickt. Die Beschäftigung mit der toile, dem Stoff, ist dabei weit mehr als blosse Rahmung – sie wird zur Metapher einer sich dehnenden Zeit, des Wartens und der Trennung vom Geliebten. In einer Epoche, in der das höfische Ideal allmählich zu bröckeln beginnt, versuchen diese weiblichen Figuren, Langeweile und Verzweiflung durch Imagination und Gesang zu überwinden und verwandeln die häusliche Tätigkeit in einen Raum der Rêverie und der inneren Selbstbehauptung.
Schönheit und Begehren durchziehen diese Texte mit nahezu ritualhafter Eindringlichkeit: Das Adjektiv bele kehrt wie ein Leitmotiv wieder und beschwört leuchtende Gestalten wie Bele Yolanz oder Bele Doette. Weibliche Schönheit erscheint hier nicht als passives Objekt, sondern als aktive Kraft, die Wort, Musik und Erzählung hervorbringt. Zwischen archaisierender epischer Dichtung und Liebeslyrik zeichnen die chansons de toile vielfältige Wege der Liebe nach – geprägt von Distanz, Hindernissen und Schwebezuständen.
Aus musikalischer Perspektive sind diese Lieder wahre klangliche Kleinode. Die teils reich verzierten Melodielinien verlangen grosse interpretatorische Feinheit und lassen die Spannung der gedehnten Zeit sowie das unerfüllte Begehren besonders deutlich hervortreten. Ob von Frauen verfasst oder nicht: Die Stimme, die sie durchzieht, spricht von ihnen und für sie – jenseits der Grenzen der ihnen zugewiesenen geschlossenen Welt. Die musikalische Ausführung, orientiert am mittelalterlichen Ideal weiblicher Schönheit, wird so zu einem integralen Bestandteil des Ausdrucks amorösen Begehrens.

© François Manrique
Diabolus in musica
Die musikalische Interpretation liegt in den Händen von Axelle Tamby Bernage, deren Stimme die chansons de toile mit Sensibilität und feiner Nuancierung zum Leben erweckt und die expressive Vielfalt dieses mittelalterlichen Repertoires ebenso wie die Tiefe seines weiblichen „Ichs“ hörbar macht. Auf der Fidel begleitet und kommentiert Nicolas Sansarlat, künstlerischer Leiter von Diabolus in musica, den Gesang, trägt die melodische Linie und verleiht ihr einen Klang, der Spannung, Erwartung und die Poesie der in diesen Liedern beschworenen schwebenden Zeit einfängt. Gemeinsam entwickeln die beiden Musiker:innen eine intime und zugleich raffinierte Interpretation, die die emotionale Kraft und die erstaunliche Modernität dieses Repertoires des 13. Jahrhunderts eindrucksvoll erfahrbar macht.
Der Busant
Peter Bichsels Der Busant, 1985 bei Luchterhand erschienen, trägt den Untertitel „Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone“. Die Novelle spielt mit dem Stoff einer mittelalterlichen Liebes- und Abenteuergeschichte und verlegt sie in eine moderne Alltagswelt. Busant heisst ein reicher Heimwehsolothurner, mit dessen Geld Solothurns Altstadt „schöngemacht“ wird. Busant ist aber auch der Name des Vogels, der die mittelalterliche Geschichte von der schönen Magelone und dem Grafen Peter von Provence, die Geschichte einer lebenslangen Liebe und Suche, ausgelöst hat. Und die schöne Magelone ist nicht nur eine Königstochter aus dem fernen Neapel, sondern auch eine ewig betrunkene Sekretärin oder Serviertochter aus dem heutigen Solothurn.
Bichsel entzaubert den mittelalterlichen Liebesroman, indem er seine grossen Motive – Treue, Suche, Schicksal – in eine kleinbürgerlich-verwaltete Moderne stellt. Die Figuren sind nicht mehr heroisch, sondern funktional: Sekretärinnen, Angestellte, Reisende. Liebe wird nicht verhindert durch Drachen oder Wälder, sondern durch Routine, Spracharmut, soziale Rollen und institutionelle Abläufe. Das Tragische ist nicht das Unglück, sondern die Normalität.

© Bettina Matthiesen
Désirée Meiser
Désirée Meiser wurde in Königstein (Deutschland) geboren und lebt heute als Schweizer Staatsbürgerin in Basel. Nach einem Studium der Geschichte, Theaterwissenschaften und Russisch in Berlin absolvierte sie ihre Schauspielausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. Nach ihrem ersten Engagement am Staatstheater Darmstadt wurde sie 1988 von Frank Baumbauer an das Theater Basel engagiert, dessen Ensemble sie bis 1993 angehörte. Parallel zu ihrer Schauspielarbeit absolvierte sie eine professionelle Gesangsausbildung und wandte sich zunehmend dem Musiktheater zu.
Als Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin wirkte sie in zahlreichen Musiktheaterproduktionen mit und entwickelte eigene Projekte, unter anderem für das Theater Basel, die Opera São Carlos in Lissabon und das Teatro La Fenice in Venedig. 2002 gründete sie gemeinsam mit der Musikdramaturgin Ute Haferburg den Gare du Nord in Basel, den Bahnhof für zeitgenössische Musik und Musiktheater, den sie bis Juli 2024 künstlerisch leitete. In dieser Zeit etablierte sie das Haus als international anerkanntes Zentrum für zeitgenössisches Musiktheater.
Als Regisseurin und künstlerische Leiterin realisierte sie zahlreiche Projekte an der Schnittstelle von Alter und Neuer Musik, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Lucerne Festival, der Hochschule für Musik Basel und der Schola Cantorum Basiliensis. Zu ihren Arbeiten gehören *NACHT* von Georg Friedrich Haas, WyttenbachMatterial nach Mani Matter, LAMENTO sowie Senza Ora, eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Zeit anhand von Werken von Froberger, Bach, Cavalli, Maderna und zeitgenössischen Komponisten.
Désirée Meiser ist zudem als Sprecherin und Rezitatorin tätig und engagiert sich seit vielen Jahren als Mentorin für junge Musiker. 2023 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Basel.
Eva Oertle

© Irène Zandel
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion leitet SRF-Moderatorin Eva Oertle das Gespräch mit Musiker:innen des Festivals. Es treffen unterschiedliche Perspektiven aus Praxis, Forschung und Vermittlung aufeinander und beleuchten die Frage, wie wir Alte Musik heute neu erleben und erlebbar machen können.
Seit 1997 als Moderatorin und Musikjournalistin bei Radio SRF 2 Kultur tätig, u. a. in der «Diskothek» und in «Musik für einen Gast», studierte Eva Oertle Flöte sowie Musikwissenschaft und Germanistik und tritt neben ihrer Radiotätigkeit international als Flötistin auf.