Konzert
Gregor auf dem Stein
Ensembles Leones & TEXTUR
Marc Lewon, Baptiste Romain / Angélique Greuter, Alessandro Tardino
Erzähler: Christian Sutter
Ort: Museum Kleines Klingental, Basel
Gregor auf dem Stein zeigt die faszinierende Kraft von alten Erzählungen, die – wie Ableger eines geheimnisvollen Gewächses – in weit auseinanderliegenden Epochen wieder zum Leben erwachen.
Hartmann von Aue etablierte im 12. Jahrhundert den höfischen Roman im deutschen Sprachraum, wobei er den Stoff seiner Werke meist von französischen Vorbildern übernahm, darunter die berühmte Artussage des Chrétien de Troyes. Sein Roman Gregorius nimmt legendenhafte Themen auf und dient als Lehrbeispiel für psychische Stärke, Selbstvergebung und Glauben.
Im ersten Teil des Konzerts tragen Marc Lewon und Baptiste Romain (Ensemble Leones) Minnelieder unter anderem von Hartmann von Aue, Rudolph von Fenis-Neuenburg und Walther von Klingen vor und entführen das Publikum in das Universum der höfischen Lyrik des 12. Jahrhunderts.
Im zweiten Teil vollzieht das Programm einen Sprung in die Moderne. Der Stoff von Hartmanns Gregorius wird in zwei eindringlichen Neufassungen dargebracht: der Ballade von Carl Loewe (1834), welche dem Abend seinen Titel gibt, gesungen von Angélique Greuter und am historischen Blüthner-Flügel begleitet von Alessandro Tardino, und Thomas Manns Roman Der Erwählte (1951), dem Christian Sutter seine Stimme leiht.
Für dieses polymorphe Programm, das Angélique Greuter eigens für das Festival entwarf, versammelte sie hochkarätige Musiker der Schola Cantorum Basiliensis und der Basler Hochschule für Musik, die alle eine internationale Konzerttätigkeit haben.

© María Alperi
Ensemble Leones
Marc Lewon ist Spezialist für die Musik des Mittelalters und der Renaissance. Er studierte Laute bei Crawford Young mit Nebenfach Gesang sowie Fidel im Aufbaustudium an der Schola Cantorum Basiliensis und absolvierte sein Diplom mit Auszeichnung. Zuvor hatte er den Magister Artium cum laude für sein Studium der Musikwissenschaft und Altgermanistik an der Universität Heidelberg erhalten. 2018 erhielt er den Doctor of Philosophy in Music an der Universität Oxford unter Reinhard Strohm. In ihm vereinigen sich musikalisches Talent und Forschergeist, mit denen er neue Perspektiven für die Aufführungspraxis entwickelt.
Als international konzertierender Musiker arbeitet Marc Lewon mit führenden Ensembles und Solisten der Frühen Musik. Dazu zählen Le miroir de musique (Baptiste Romain), per-sonat (Sabine Lutzenberger), Peregrina (Agnieszka Budzińska-Bennett) und Dragma. Er ist künstlerischer Leiter des Festivals Klangraum Dobra und Teil des Leitungsteams von ReRenaissance Basel.
Mit seinem eigenen Ensemble Leones ist er Entdeckungen bislang unbekannter Werke aus Mittelalter und Renaissance auf der Spur. Hier setzt er mit Pionierarbeit und Neuinterpretationen in Konzerten und von der Kritik ausgezeichneten CD-Einspielungen neue ästhetische Akzente.
Marc Lewon hat zum 1. September 2017 die Professur für Lauteninstrumente des Mittelalters und der frühen Neuzeit an der Schola Cantorum Basiliensis übernommen.
Baptiste Romain
Nach einer ersten musikalischen Ausbildung in Frankreich mit Schwerpunktstudien in Geige und Komposition, beschäftigte sich Baptiste Romain intensiv mit den Repertoires des Mittelalters und der Renaissance. An seine Ausbildung am Centre de Musique Médiévale von Paris (F), wo er bei Marco Horvat studierte, schloss sich ein Studium an der Schola Cantorum Basiliensis (CH) bei Randall Cook, Dominique Vellard und Crawford Young an, mit zusätzlichen Lektionen bei Pierre Hamon am Conservatoire National Supérieur in Lyon (F) an.
Während seiner Basler Zeit beschäftigte er sich neben verschiedenen Varianten der Fidel und des Rebec auch intensiv mit der Technik und Repertoire der Renaissancevioline und schloss seine Diplomstudien 2008 mit Auszeichnung ab.
Baptiste Romain bemüht sich stets um neue Klänge und Techniken, um den hohen Anforderungen der historischen Musikpraxis gerecht zu werden. Darüber hinaus gilt sein Interesse der instrumentalen Begleitung des Gesangs, historischer Improvisation und früher Instrumentalmusik.
Er tritt mit seinem eigenen Ensemble Le Miroir de Musique auf, arbeitet aber auch mit anderen renommierten Gruppen, wie Ensemble Gilles Binchois (Dominique Vellard), per-sonat (Sabine Lutzenberger), Ensemble Leones (Marc Lewon), Tetraktys (Kees Boeke), Peregrina (Agnieszka Budzinska-Bennett), Doulce Mémoire (Denis Raisin Dadre).
Nachdem er von 2009 bis 2016 Geschichte der mittelalterlichen Musik, Kontrapunkt und Analyse an der Universität Besançon unterrichtete, wurde er 2017 auf die Professur für frühe Streichinstrumente an der Mittelalterabteilung der SCB berufen.
Ensemble TEXTUR

© Anderson Lasso
Angélique Greuter
Als gebürtige Schweizerin mit Heimatort Winterthur wuchs Angélique Greuter in Genf und Berlin auf und studierte anschliessend in Paris und Moskau Gesang. Seit Juni 2019 lebt sie erstmals in der deutschen Schweiz. Ihr künstlerischer Weg führte sie vom klassischen und modernen Tanz zum Theater und zur Stimme. Bei Jacques Lecoq in Paris studierte sie Körpertheater und Szenografie, an der Sorbonne absolvierte sie einen Master in Mittelaltermusik.
Die Gesangskarriere begann Angélique Greuter mit Oratorien und Oper, am Opernhaus Kairo gab sie im Mai 2000 Poulencs La voix humaine in eigener Inszenierung.
Seit 2005 ist sie Mitglied des Mittelalterensembles Cum Jubilo, mit dem sie sich in namhaften Festivals produziert. In einem weiteren a cappella Ensemble, Les Elancées, das sie 2018 mitbegründete, kombiniert sie alte Musik mit freier Improvisation.
Seit ihrer Rückkehr in die Schweiz sang sie gelegentlich mit den Basler Madrigalisten und dem Choeur de Chambre de Colmar. Ihr Hauptfokus liegt aber in der Mittelaltermusik, für welche sie sich als künstlerische Leiterin von Ars vivendi – Life as Art und des Ensemble RESONEZ schweizweit engagiert. Im Mai 2026 erschien bei Schweizer Fonogramm ihre erste CD mit geistlichen Gesängen des Mittelalters aus Schweizer Quellen, O Amor et Sublimitas.
Alessandro Tardino ist Pianist, Komponist und gefragter Kammermusiker. Er studierte Klavier am Konservatorium von Frosinone sowie an der Internationalen Klavierakademie „Incontri col Maestro“ in Imola bei Franco Scala, Michel Dalberto und Enrico Pace und schloss sein Studium mit Auszeichnung ab.
Er konzertierte als Solist und Kammermusiker bei zahlreichen europäischen Festivals, darunter Maggio Musicale Fiorentino und MITO Settembre Musica, und trat in renommierten Sälen wie dem Stadtcasino Basel, der Salle Molière in Lyon und dem Auditorium Orchestra Verdi in Mailand auf. Er arbeitete mit Künstlern wie Henri Demarquette, Nura Rial und Danjulo Ishizaka zusammen und spielte u. a. mit dem Giuseppe Verdi Symphonieorchester Mailand und dem Neues Orchester Basel.
Preisträger internationaler Wettbewerbe (Concours International de Piano de Lyon, Giulio Rospigliosi), erhielt er 2016 für eine Reger-DVD den BBC Music Magazine Award – DVD of the Year. Neben seiner Konzerttätigkeit arbeitet er als Korrepetitor an der Hochschule für Musik Basel sowie an der Musikschule Basel.
Als Komponist erhielt er 2024 einen Kompositionsauftrag für Klavier und Orchester, den er mit dem Neues Orchester Basel unter Christian Knüsel uraufführte.
Christian Sutter
«… Der Ältere, der soviel Haar hat wie die anderen zusammen, kein fallendes oder lockiges Haar, sondern das schwarze Kruselhaar eines Abessiniers, Brillenträger, lernt Kontrabass am Konservatorium. In einem Sinfonieorchester unterzugehen auf Lebenszeit hat er nicht vor, Musik ist Provokation. Ich entkorke und verstehe …»
Max Frisch, Tagebuch 1966-1971
Das Haar des besagten Musikers, es handelt sich tatsächlich um Christian Sutter, hat sich in der Zwischenzeit gelichtet, und entgegen den damaligen Absichten hat dieser dann doch fünfunddreißig Jahre als Solo-Kontrabassist im «Sinfonieorchester Basel» gedient. Dass er aber darin untergegangen wäre – nein, das lässt sich wahrlich nicht behaupten. Nebst seiner weitverzweigten Tätigkeit als begeisterter Orchester- und Kammermusiker, u. a. als Gründungsmitglied der «Cappella Andrea Barca» von Sir András Schiff, hat sich der nicht nur als Musikant, sondern auch als Dramaturg und Sprecher gefragte «Poet am Kontrabass» mit seinen intelligent verknüpften Literatur-Musik-Programmen einen Namen gemacht, so auch mit der von ihm kuratierten literarischen Kammermusikreihe «Titus beflügelt» in Basel.