
© E. Arioli
(Version française ci-dessous)
• Wie hat Ihre Recherche nach den Spuren von Ségurant begonnen, und was hat Sie dazu bewogen, sich mehr als zehn Jahre lang diesem vergessenen Roman zu widmen?
Alles begann 2010 in der Bibliothèque de l’Arsenal in Paris, als ich an einem Manuskript der Prophéties de Merlin arbeitete. Es enthielt nicht nur die Prophezeiungen des bretonischen Zauberers, sondern auch die Abenteuer eines Ritters, den ich kaum kannte: Ségurant, den Ritter mit dem Drachen. Die Erzählung war unvollständig, und ich wollte wissen, wie es mit ihm weiterging. Von Manuskript zu Manuskript verwandelte sich diese Neugier in eine Recherche, die mich durch ganz Europa führte.
Allmählich wurde mir klar, dass die Abenteuer von Ségurant im Mittelalter weit verbreitet waren, bevor sie beinahe vollständig aus unserem literarischen Gedächtnis verschwanden. Zehn Jahre habe ich gebraucht, um seine über 28 Manuskripte verstreuten Abenteuer zu edieren und zu übersetzen. Diese Manuskripte werden in Bibliotheken und Archiven in sieben Ländern aufbewahrt: Frankreich, Italien, Deutschland, Belgien, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten.
• Was bedeutet die Rückkehr dieses Ritters in die Artussage für Sie, und was unterscheidet Ségurant von Figuren wie Lancelot oder Parzival?
Das Faszinierende ist, dass uns die Geschichte von Ségurant einen anderen Teil der Artussage offenbart, von der wir doch glaubten, sie so gut zu kennen. Er ist ein sehr ungewöhnlicher Ritter: Er ist nicht verliebt wie Lancelot oder Tristan, sondern verfolgt einen Drachen, der in Wirklichkeit nichts anderes als ein von der Fee Morgane beschworener Teufel ist. Verzaubert, ist er dazu verdammt, ihn ohne Ende zu verfolgen … und nur der Gral kann ihn davon befreien.
Darin liegt etwas zugleich Heroisches, Tragisches und beinahe Ironisches: Der beste Ritter am Hof von König Artus steht einer teuflischen Illusion plötzlich wehrlos gegenüber.
• Kein einziges Manuskript überliefert die gesamte Geschichte von Ségurant. Wie haben Sie dieses Gesamtbild rekonstruiert, und welche Rolle spielten dabei die Illustrationen?
Es ist ein wahres Puzzle. Zunächst mussten die über verschiedene Manuskripte verstreuten Episoden aufgespürt und anschliessend die Texte, ihre Sprache, ihre Schrift und ihre Varianten miteinander verglichen werden. So kann eine in einem Manuskript abgebrochene Episode ihre Fortsetzung in einem anderen finden.
Auch die Illustrationen sind von grossem Wert: Sie zeugen davon, wie die mittelalterlichen Leser:innen die Erzählungen verstanden und sich vorstellten. Einige Bilder ermöglichen es insbesondere, Ségurant bei seiner Verfolgung des Drachen zu verfolgen oder ihn im Kampf mit ihm zu sehen.
• Ihre Forschung gleicht einem regelrechten «Detektivroman». Gab es eine Entdeckung, die Sie besonders beeindruckt hat?
Der Vergleich ist durchaus zutreffend, auch wenn es sich um eine sehr langsame Recherche handelt! Man arbeitet sich anhand manchmal winziger Hinweise voran, etwa anhand des Namens eines früheren Besitzers, der auf das Pergament gekritzelt und durch die Zeit beinahe ausgelöscht wurde.
Auch neue Technologien können uns dabei helfen, insbesondere die multispektrale Bildgebung. Sie ermöglicht es, verblasste oder gelöschte Schriften wieder sichtbar zu machen, indem die Manuskripte unter verschiedenen Lichtspektren fotografiert und die Bilder anschliessend am Computer bearbeitet werden.
Zu den eindrücklichsten Momenten gehörte die Arbeit an den Manuskripten der Biblioteca Nazionale Universitaria in Turin, die beim Brand von 1904 schwer beschädigt wurden. Ségurant zwischen den verbrannten Blättern wiederzufinden und sogar das Bild des Ritters im Angesicht des Drachen zu entdecken, war besonders bewegend.
• Sie haben sich dafür entschieden, Ségurant weit über die akademische Welt hinaus bekannt zu machen – durch Übersetzungen, Bücher, eine Dokumentation und sogar einen Comic. Warum ist diese Vermittlungsarbeit für Sie wichtig?
Ich sehe keinen Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Vermittlung an ein breites Publikum. Die Ergebnisse der Forschung an die Gesellschaft weiterzugeben und dazu beizutragen, ein gemeinsames kulturelles Erbe lebendig zu halten, gehört für mich ganz selbstverständlich zum Beruf des Forschers.
Am Anfang steht jedoch eine unverzichtbare wissenschaftliche Arbeit: die Manuskripte zu untersuchen, die Texte zu rekonstruieren und ihre Geschichte zu verstehen. Danach folgten Übersetzungen in verschiedene Sprachen, eine Dokumentation, ein Comic, ein Kinderbuch … und inzwischen lebt Ségurant auch durch Erzählungen, Aufführungen, Spiele und Ausstellungen weiter.
So ist es beispielsweise im Centre de l’Imaginaire Arthurien, das im Schloss von Comper mitten im Wald von Brocéliande in der Bretagne eingerichtet ist.
• Nach Ségurant haben Sie Ihre Erforschung wenig bekannter Artustexte fortgesetzt – mit Alexandre, l’Orphelin de la Table Ronde, einer mittelalterlichen Enzyklopädie der Tafelrunde und auch Morgane. Was fasziniert Sie an diesen vergessenen Werken, und wird diese Suche weitergehen?
Mich fasziniert die Tatsache, dass wir die Literatur des Mittelalters letztlich noch immer so wenig kennen. Man geht davon aus, dass etwa 90 % der mittelalterlichen Manuskripte verloren gegangen sind. Meine Editionen und Übersetzungen möchten einen sehr bescheidenen Beitrag dazu leisten, ein gemeinsames kulturelles Erbe wiederherzustellen, das es verdient, weiterzuleben.
Bei Alexandre l’Orphelin ging es darum, die Legende dieses Ritters bekannt zu machen, der so verführerisch war, dass Damen und Zauberinnen ihm verfielen, so dass er am Ende vor ihnen fliehen musste!
Die Enzyklopädie der Tafelrunde aus dem 15. Jahrhundert lässt uns 174 Ritter, ihre Wappen und ihre Schwüre entdecken. Und Morgane eröffnet einen weiteren Zugang zu dieser Welt – in Form der ungeliebten Schwester Artus’: eine mächtige Fee, eine Gelehrte und vor allem eine freie Frau.
Was mich daran fasziniert, ist genau diese Möglichkeit, diesen lange im Schatten gebliebenen Texten und Figuren neues Leben einzuhauchen. Und die Manuskripte können noch so manche Überraschung für uns bereithalten!■
— Français: —
Entretien avec Emanuele Arioli
• Comment votre recherche sur les traces de Ségurant a-t-elle commencé, et qu’est-ce qui vous a poussé à consacrer plus de dix années à ce roman oublié?
Tout a commencé en 2010, à la bibliothèque de l’Arsenal, à Paris, alors que je travaillais sur un manuscrit des Prophéties de Merlin. Il ne conservait pas uniquement des prédictions de l’enchanteur breton, mais aussi les aventures d’un chevalier que je connaissais à peine: Ségurant, le Chevalier au Dragon. Le récit était incomplet, et j’ai voulu savoir ce qui lui arrivait ensuite. De manuscrit en manuscrit, cette curiosité s’est transformée en une enquête à travers l’Europe. J’ai peu à peu compris que les aventures de Ségurant avaient largement circulé au Moyen Âge, avant de presque disparaître de notre mémoire littéraire. Il m’a fallu dix ans pour éditer et traduire ses aventures, dispersées dans 28 manuscrits conservés dans les bibliothèques et les archives de sept pays: la France, l’Italie, l’Allemagne, la Belgique, la Suisse, le Royaume-Uni et les États-Unis.
• Que représente pour vous le retour de ce chevalier dans la légende arthurienne, et qu’est-ce qui distingue Ségurant de figures comme Lancelot ou Perceval?
Ce qui est fascinant, c’est que l’histoire de Ségurant nous dévoile un autre pan de la légende arthurienne, que l’on croyait pourtant si bien connaître. C’est un chevalier très atypique: il n’est pas amoureux comme Lancelot ou Tristan, mais poursuit un dragon qui n’est en réalité qu’un diable invoqué par la fée Morgane. Ensorcelé, il est condamné à le poursuivre sans fin… et seul le Graal pourra le libérer. Il y a là quelque chose d’à la fois héroïque, tragique et presque ironique : le meilleur des chevaliers de la cour du roi Arthur se retrouve désarmé devant une illusion diabolique.
• Aucun manuscrit ne conserve à lui seul toute l’histoire de Ségurant. Comment avez-vous reconstitué cet ensemble, et quel rôle les enluminures ont-elles joué?
C’est un véritable puzzle. Il fallait repérer les épisodes dispersés dans différents manuscrits, puis comparer les textes, leur langue, leur écriture et leurs variantes. Un épisode interrompu dans un manuscrit peut ainsi trouver son prolongement dans un autre. Les enluminures sont également précieuses: elles témoignent de la manière dont les lecteurs médiévaux comprenaient et imaginaient les récits. Certaines images permettent notamment de suivre Ségurant dans sa poursuite du dragon ou de le voir l’affronter.
• Votre recherche ressemble-t-elle à un véritable «travail de détective». Y a-t-il eu une découverte particulièrement marquante?
La comparaison est assez juste, même s’il s’agit d’une enquête très lente! On avance à partir d’indices parfois minuscules, comme le nom d’un ancien possesseur griffonné sur le parchemin et presque effacé par le temps. Les nouvelles technologies peuvent aussi nous aider, notamment l’imagerie multispectrale, qui permet de faire réapparaître des écritures effacées en photographiant les manuscrits sous différents spectres lumineux, puis en retraitant les images par ordinateur. Parmi les moments les plus marquants, il y a eu le travail sur les manuscrits de la Bibliothèque nationale universitaire de Turin, gravement endommagés par l’incendie de 1904. Retrouver Ségurant au milieu des feuillets brûlés, et même l’image du chevalier face au dragon, a été particulièrement émouvant.
• Vous avez choisi de faire connaître Ségurant bien au-delà du monde universitaire, à travers des traductions, des livres, un documentaire ou encore la bande dessinée. Pourquoi cette transmission est-elle importante pour vous?
Je ne vois pas d’opposition entre recherche scientifique et transmission au grand public. Transmettre les résultats de la recherche à la société et contribuer à faire vivre un patrimoine culturel commun font pleinement partie, à mes yeux, du métier de chercheur. Mais tout commence par un travail scientifique indispensable: étudier les manuscrits, établir les textes et comprendre leur histoire. Ensuite, il y a eu des traductions en diverses langues, un documentaire, une bande dessinée, un livre jeunesse… et, maintenant, Ségurant vit aussi à travers des contes, des spectacles, des jeux et des expositions. C’est le cas, par exemple, au Centre de l’Imaginaire Arthurien, installé au château de Comper, au cœur de la forêt de Brocéliande, en Bretagne.
• Après Ségurant, vous avez poursuivi l’exploration de textes arthuriens méconnus, avec Alexandre, l’Orphelin de la Table Ronde, une encyclopédie médiévale de la Table Ronde ou encore Morgane. Qu’est-ce qui vous attire dans ces œuvres oubliées, et cette quête va-t-elle se poursuivre?
Je suis fasciné par le fait que, finalement, nous connaissons encore si mal la littérature du Moyen Âge. On estime qu’environ 90% des manuscrits médiévaux ont été perdus. Mes éditions et mes traductions veulent être une très modeste contribution à la restauration d’un patrimoine culturel commun qui mérite encore de vivre. Avec Alexandre l’Orphelin, il s’agissait de faire connaître la légende de ce chevalier si séduisant qu’il faisait tomber amoureuses dames et magiciennes… au point de devoir s’enfuir! L’encyclopédie de la Table Ronde du XVe siècle nous fait découvrir 174 chevaliers, leurs blasons et leurs serments. Et Morgane offre une autre porte d’entrée dans cet univers, à travers la sœur mal aimée d’Arthur: une fée puissante, une femme savante et, surtout, libre. Ce qui m’attire, c’est précisément la possibilité de donner une nouvelle vie à ces textes et à ces personnages longtemps restés dans l’ombre. Et les manuscrits peuvent encore nous réserver bien des surprises!■