Programm
Programm 2026
3. Edition Basel
» Romane und Romanzen
Freitag, 30. Oktober 2026
Konzert
Gregor auf dem Stein
Ensembles Leones & TEXTUR
Marc Lewon, Baptiste Romain / Angélique Greuter, Alessandro Tardino
Erzähler: Christian Sutter
Ort: Museum Kleines Klingental, Basel
Gregor auf dem Stein zeigt die faszinierende Kraft von alten Erzählungen, die – wie Ableger eines geheimnisvollen Gewächses – in weit auseinanderliegenden Epochen wieder zum Leben erwachen.
Hartmann von Aue etablierte im 12. Jahrhundert den höfischen Roman im deutschen Sprachraum, wobei er den Stoff seiner Werke meist von französischen Vorbildern übernahm, darunter die berühmte Artussage des Chrétien de Troyes. Sein Roman Gregorius nimmt legendenhafte Themen auf und dient als Lehrbeispiel für psychische Stärke, Selbstvergebung und Glauben.
Im ersten Teil des Konzerts tragen Marc Lewon und Baptiste Romain (Ensemble Leones) Minnelieder unter anderem von Hartmann von Aue, Rudolph von Fenis-Neuenburg und Walther von Klingen vor und entführen das Publikum in das Universum der höfischen Lyrik des 12. Jahrhunderts.
Im zweiten Teil vollzieht das Programm einen Sprung in die Moderne. Der Stoff von Hartmanns Gregorius wird in zwei eindringlichen Neufassungen dargebracht: der Ballade von Carl Loewe (1834), welche dem Abend seinen Titel gibt, gesungen von Angélique Greuter und am historischen Blüthner-Flügel begleitet von Alessandro Tardino, und Thomas Manns Roman Der Erwählte (1951), dem Christian Sutter seine Stimme leiht.
Für dieses polymorphe Programm, das Angélique Greuter eigens für das Festival entwarf, versammelte sie hochkarätige Musiker der Schola Cantorum Basiliensis und der Basler Hochschule für Musik, die alle eine internationale Konzerttätigkeit haben.

© María Alperi
Ensemble Leones
Marc Lewon ist Spezialist für die Musik des Mittelalters und der Renaissance. Er studierte Laute bei Crawford Young mit Nebenfach Gesang sowie Fidel im Aufbaustudium an der Schola Cantorum Basiliensis und absolvierte sein Diplom mit Auszeichnung. Zuvor hatte er den Magister Artium cum laude für sein Studium der Musikwissenschaft und Altgermanistik an der Universität Heidelberg erhalten. 2018 erhielt er den Doctor of Philosophy in Music an der Universität Oxford unter Reinhard Strohm. In ihm vereinigen sich musikalisches Talent und Forschergeist, mit denen er neue Perspektiven für die Aufführungspraxis entwickelt.
Als international konzertierender Musiker arbeitet Marc Lewon mit führenden Ensembles und Solisten der Frühen Musik. Dazu zählen Le miroir de musique (Baptiste Romain), per-sonat (Sabine Lutzenberger), Peregrina (Agnieszka Budzińska-Bennett) und Dragma. Er ist künstlerischer Leiter des Festivals Klangraum Dobra und Teil des Leitungsteams von ReRenaissance Basel.
Mit seinem eigenen Ensemble Leones ist er Entdeckungen bislang unbekannter Werke aus Mittelalter und Renaissance auf der Spur. Hier setzt er mit Pionierarbeit und Neuinterpretationen in Konzerten und von der Kritik ausgezeichneten CD-Einspielungen neue ästhetische Akzente.
Marc Lewon hat zum 1. September 2017 die Professur für Lauteninstrumente des Mittelalters und der frühen Neuzeit an der Schola Cantorum Basiliensis übernommen.
Baptiste Romain
Nach einer ersten musikalischen Ausbildung in Frankreich mit Schwerpunktstudien in Geige und Komposition, beschäftigte sich Baptiste Romain intensiv mit den Repertoires des Mittelalters und der Renaissance. An seine Ausbildung am Centre de Musique Médiévale von Paris (F), wo er bei Marco Horvat studierte, schloss sich ein Studium an der Schola Cantorum Basiliensis (CH) bei Randall Cook, Dominique Vellard und Crawford Young an, mit zusätzlichen Lektionen bei Pierre Hamon am Conservatoire National Supérieur in Lyon (F) an.
Während seiner Basler Zeit beschäftigte er sich neben verschiedenen Varianten der Fidel und des Rebec auch intensiv mit der Technik und Repertoire der Renaissancevioline und schloss seine Diplomstudien 2008 mit Auszeichnung ab.
Baptiste Romain bemüht sich stets um neue Klänge und Techniken, um den hohen Anforderungen der historischen Musikpraxis gerecht zu werden. Darüber hinaus gilt sein Interesse der instrumentalen Begleitung des Gesangs, historischer Improvisation und früher Instrumentalmusik.
Er tritt mit seinem eigenen Ensemble Le Miroir de Musique auf, arbeitet aber auch mit anderen renommierten Gruppen, wie Ensemble Gilles Binchois (Dominique Vellard), per-sonat (Sabine Lutzenberger), Ensemble Leones (Marc Lewon), Tetraktys (Kees Boeke), Peregrina (Agnieszka Budzinska-Bennett), Doulce Mémoire (Denis Raisin Dadre).
Nachdem er von 2009 bis 2016 Geschichte der mittelalterlichen Musik, Kontrapunkt und Analyse an der Universität Besançon unterrichtete, wurde er 2017 auf die Professur für frühe Streichinstrumente an der Mittelalterabteilung der SCB berufen.
Ensemble TEXTUR
Angélique Greuter
Als gebürtige Schweizerin mit Heimatort Winterthur wuchs Angélique Greuter in Genf und Berlin auf und studierte anschliessend in Paris und Moskau Gesang. Seit Juni 2019 lebt sie erstmals in der deutschen Schweiz. Ihr künstlerischer Weg führte sie vom klassischen und modernen Tanz zum Theater und zur Stimme. Bei Jacques Lecoq in Paris studierte sie Körpertheater und Szenografie, an der Sorbonne absolvierte sie einen Master in Mittelaltermusik.
Die Gesangskarriere begann Angélique Greuter mit Oratorien und Oper, am Opernhaus Kairo gab sie im Mai 2000 Poulencs La voix humaine in eigener Inszenierung.
Seit 2005 ist sie Mitglied des Mittelalterensembles Cum Jubilo, mit dem sie sich in namhaften Festivals produziert. In einem weiteren a cappella Ensemble, Les Elancées, das sie 2018 mitbegründete, kombiniert sie alte Musik mit freier Improvisation.
Seit ihrer Rückkehr in die Schweiz sang sie gelegentlich mit den Basler Madrigalisten und dem Choeur de Chambre de Colmar. Ihr Hauptfokus liegt aber in der Mittelaltermusik, für welche sie sich als künstlerische Leiterin von Ars vivendi – Life as Art und des Ensemble RESONEZ schweizweit engagiert. Im Mai 2026 erschien bei Schweizer Fonogramm ihre erste CD mit geistlichen Gesängen des Mittelalters aus Schweizer Quellen, O Amor et Sublimitas.
Alessandro Tardino ist Pianist, Komponist und gefragter Kammermusiker. Er studierte Klavier am Konservatorium von Frosinone sowie an der Internationalen Klavierakademie „Incontri col Maestro“ in Imola bei Franco Scala, Michel Dalberto und Enrico Pace und schloss sein Studium mit Auszeichnung ab.
Er konzertierte als Solist und Kammermusiker bei zahlreichen europäischen Festivals, darunter Maggio Musicale Fiorentino und MITO Settembre Musica, und trat in renommierten Sälen wie dem Stadtcasino Basel, der Salle Molière in Lyon und dem Auditorium Orchestra Verdi in Mailand auf. Er arbeitete mit Künstlern wie Henri Demarquette, Nura Rial und Danjulo Ishizaka zusammen und spielte u. a. mit dem Giuseppe Verdi Symphonieorchester Mailand und dem Neues Orchester Basel.
Preisträger internationaler Wettbewerbe (Concours International de Piano de Lyon, Giulio Rospigliosi), erhielt er 2016 für eine Reger-DVD den BBC Music Magazine Award – DVD of the Year. Neben seiner Konzerttätigkeit arbeitet er als Korrepetitor an der Hochschule für Musik Basel sowie an der Musikschule Basel.
Als Komponist erhielt er 2024 einen Kompositionsauftrag für Klavier und Orchester, den er mit dem Neues Orchester Basel unter Christian Knüsel uraufführte.
Christian Sutter
«… Der Ältere, der soviel Haar hat wie die anderen zusammen, kein fallendes oder lockiges Haar, sondern das schwarze Kruselhaar eines Abessiniers, Brillenträger, lernt Kontrabass am Konservatorium. In einem Sinfonieorchester unterzugehen auf Lebenszeit hat er nicht vor, Musik ist Provokation. Ich entkorke und verstehe …»
Max Frisch, Tagebuch 1966-1971
Das Haar des besagten Musikers, es handelt sich tatsächlich um Christian Sutter, hat sich in der Zwischenzeit gelichtet, und entgegen den damaligen Absichten hat dieser dann doch fünfunddreißig Jahre als Solo-Kontrabassist im «Sinfonieorchester Basel» gedient. Dass er aber darin untergegangen wäre – nein, das lässt sich wahrlich nicht behaupten. Nebst seiner weitverzweigten Tätigkeit als begeisterter Orchester- und Kammermusiker, u. a. als Gründungsmitglied der «Cappella Andrea Barca» von Sir András Schiff, hat sich der nicht nur als Musikant, sondern auch als Dramaturg und Sprecher gefragte «Poet am Kontrabass» mit seinen intelligent verknüpften Literatur-Musik-Programmen einen Namen gemacht, so auch mit der von ihm kuratierten literarischen Kammermusikreihe «Titus beflügelt» in Basel.
Samstag, 31. Oktober 2026
Konzert
Filiae tonitrui
Ensemble Proyecto EVOCA
Paloma Gutiérrez del Arroyo (Leitung), Ana Arnaz, Èlia Casanova, Amparo Maiques
Ort: St. Margarethenkirche, Binningen
Filiae tonitrui. Ein musikalisches Porträt des heiligen Jakobus im 12. Jahrhundert ist ein Programm, das der Figur des Iacobus Santiago gewidmet ist und vollständig auf dem berühmten Codex Calixtinus basiert, einer der bedeutendsten musikalisch-liturgischen Quellen des Mittelalters. Die Texte der ausgewählten Werke erzählen vom Leben, von den Wundern und von der Verehrung des Heiligen und verbinden erzählerische Elemente mit Lobgesängen und Gebeten.
Der Titel bezieht sich auf den biblischen Beinamen Boanerges (“Donnersöhne”), mit dem Jesus Jakobus und seinen Bruder Johannes bezeichnete. Filiae tonitrui (die “Töchter des Donners”) verweist auf die klangliche Kraft und Ausdrucksstärke des weiblichen Ensembles, das dieses Repertoire zum Leben erweckt.
Musikalisch bietet das Programm einen Einblick in die vielfältigen Kompositionspraktiken des 12. Jahrhunderts: einstimmige Gesänge, zweistimmige Organa und Conductus sowie Contrafacta, neben eigens im 12. Jahrhundert entstandenen Kompositionen. Obwohl für die Liturgie der Kathedrale von Santiago de Compostela bestimmt, wurde diese Musik vermutlich im Burgund zusammengestellt und komponiert und spiegelt damit die europäische Dimension der mittelalterlichen Pilgerwege wider.

© Josu Gastón
Das Projekt EVOCA (Exploración de la Vocalidad y la Oralidad del Canto Antiguo) entstand 2021 aus der Begegnung von vier Sängerinnen, die ein gemeinsames Interesse an mittelalterlichen Vokalrepertoires und den damit verbundenen Aufführungspraktiken teilen: Oralität und Gedächtnisarbeit, Vokalität und Temperamente, polyphone Improvisation sowie die Interpretation alter Notationen. Aufbauend auf der langjährigen Forschung von Paloma Gutiérrez del Arroyo entwickelt sich das Projekt heute gemeinsam mit Ana Arnaz, Èlia Casanova und Amparo Maiques.
Von Beginn an wurde EVOCA von der Aula de Música der Universidad de Alcalá de Henares, dem Centre del Carme Cultura Contemporània in Valencia sowie dem französischen Festival Voix et route romane unterstützt. Eine zweijährige künstlerische Residenz in Alcalá de Henares spielte eine zentrale Rolle für die Vertiefung der Arbeit an mündlicher Überlieferung und musikalischem Gedächtnis. Derzeit widmet sich EVOCA in Zusammenarbeit mit Prof. Carmen Julia Gutiérrez (Universidad Complutense de Madrid) einer neuen Forschungsrichtung zur Interpretation des altspanischen Gesangs.
Konzert mit Videoprojektion
Polia potente
Ensemble Artemis Consort / Silvia Fabiani
Carolin Margraf (Leitung), Emma-Lisa Roux, Liane Sadler, Maya Webne-Behrman
Ort: St. Margarethenkirche, Binningen
Die „Hypnerotomachia Poliphili”, 1499 in Venedig von Aldus Manutius gedruckt, ist eines der rätselhaftesten Bücher des 15. Jahrhunderts – ein visionärer Roman von aussergewöhnlicher erzählerischer und visueller Kraft, zugleich ein Meilenstein der Buchgeschichte.
Die Handlung folgt Poliphilo auf einer symbolischen Liebesreise durch einen Traum im Traum, auf der Suche nach der Nymphe Polia. Die labyrinthische Struktur, die überbordende Fülle an naturkundlichen und architektonischen Details sowie die berühmten perspektivischen Holzschnitte – revolutionär für ihre Zeit – erzeugen eine beinahe psychedelische Bildwelt. Zugleich wirft das Werk für seine Epoche erstaunlich moderne Fragen auf: Vermutlich vom Dominikanermönch Francesco Colonna verfasst, verbindet es heidnische Mythologie, Sinnlichkeit und spirituelle Allegorie. Die Figur der Polia, zunächst stumme Projektionsfläche männlichen Begehrens, gewinnt im Verlauf der Erzählung eine eigene Stimme und öffnet einen Reflexionsraum über weibliche Selbstbestimmung.
Das Projekt Polia Potente übersetzt diese Geschichte in eine musikalisch-szenische Form und verbindet Klang, Text und Bild. Die Musik des Programms – sie spielt im Roman selbst eine zentrale Rolle – greift auf die frühesten venezianischen Musikdrucke zurück, insbesondere auf Ottaviano Petruccis Frottola-Sammlungen (1501–1504). Dieses weltliche polyphone Genre, Vorläufer des Madrigals, fungiert hier als emotionaler und dramaturgischer Kommentar zur Erzählung. Ergänzt wird das Repertoire durch Werke von Komponisten wie Alexander Agricola, deren kunstvolle Polyphonie die Raffinesse der frühen Instrumentalmusik um 1500 hörbar macht.

© Andrew Burn
Artemis Consort
Interpretin dieses Konzepts ist das Artemis Consort, bestehend aus vier auf Renaissance-Musik spezialisierten Musikerinnen, die sich an der Schola Cantorum Basiliensis kennengelernt haben: Emma-Lisa Roux (Laute, Sopran), Liane Sadler (Renaissance-Querflöte), Maya Webne-Behrman (Renaissance-Violine und Viola d’Arco) und Carolin Margraf (Renaissanceharfe, Leitung). In Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Silvia Fabiani entsteht ein immersiver Bühnenraum aus Licht, Projektion und Bewegung. Visuelle und klangliche Ebenen verschmelzen zu einem gemeinsamen Erzählstrom und lassen das Publikum unmittelbar in Poliphilos Traumwelt eintauchen.
Lesung, Konzert und Podiumsdiskussion
Der Busant von Peter Bichsel / Beles, belles…
Désirée Meiser / Ensemble Diabolus in musica (Axelle Tamby Bernage, Nicolas Sansarlat)
Dauer: 90 Min.Ort: H95, Basel
Peter Bichsels Der Busant, 1985 bei Luchterhand erschienen, trägt den Untertitel „Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone“. Die Novelle spielt mit dem Stoff einer mittelalterlichen Liebes- und Abenteuergeschichte und verlegt sie in eine moderne Alltagswelt. Busant heisst ein reicher Heimwehsolothurner, mit dessen Geld Solothurns Altstadt „schöngemacht“ wird. Busant ist aber auch der Name des Vogels, der die mittelalterliche Geschichte von der schönen Magelone und dem Grafen Peter von Provence, die Geschichte einer lebenslangen Liebe und Suche, ausgelöst hat. Und die schöne Magelone ist nicht nur eine Königstochter aus dem fernen Neapel, sondern auch eine ewig betrunkene Sekretärin oder Serviertochter aus dem heutigen Solothurn.
Bichsel entzaubert den mittelalterlichen Liebesroman, indem er seine grossen Motive – Treue, Suche, Schicksal – in eine kleinbürgerlich-verwaltete Moderne stellt. Die Figuren sind nicht mehr heroisch, sondern funktional: Sekretärinnen, Angestellte, Reisende. Liebe wird nicht verhindert durch Drachen oder Wälder, sondern durch Routine, Spracharmut, soziale Rollen und institutionelle Abläufe. Das Tragische ist nicht das Unglück, sondern die Normalität.

© Bettina Matthiesen
Désirée Meiser
Désirée Meiser wurde in Königstein (Deutschland) geboren und lebt heute als Schweizer Staatsbürgerin in Basel. Nach einem Studium der Geschichte, Theaterwissenschaften und Russisch in Berlin absolvierte sie ihre Schauspielausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. Nach ihrem ersten Engagement am Staatstheater Darmstadt wurde sie 1988 von Frank Baumbauer an das Theater Basel engagiert, dessen Ensemble sie bis 1993 angehörte. Parallel zu ihrer Schauspielarbeit absolvierte sie eine professionelle Gesangsausbildung und wandte sich zunehmend dem Musiktheater zu.
Als Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin wirkte sie in zahlreichen Musiktheaterproduktionen mit und entwickelte eigene Projekte, unter anderem für das Theater Basel, die Opera São Carlos in Lissabon und das Teatro La Fenice in Venedig. 2002 gründete sie gemeinsam mit der Musikdramaturgin Ute Haferburg den Gare du Nord in Basel, den Bahnhof für zeitgenössische Musik und Musiktheater, den sie bis Juli 2024 künstlerisch leitete. In dieser Zeit etablierte sie das Haus als international anerkanntes Zentrum für zeitgenössisches Musiktheater.
Als Regisseurin und künstlerische Leiterin realisierte sie zahlreiche Projekte an der Schnittstelle von Alter und Neuer Musik, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Lucerne Festival, der Hochschule für Musik Basel und der Schola Cantorum Basiliensis. Zu ihren Arbeiten gehören *NACHT* von Georg Friedrich Haas, WyttenbachMatterial nach Mani Matter, LAMENTO sowie Senza Ora, eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Zeit anhand von Werken von Froberger, Bach, Cavalli, Maderna und zeitgenössischen Komponisten.
Désirée Meiser ist zudem als Sprecherin und Rezitatorin tätig und engagiert sich seit vielen Jahren als Mentorin für junge Musiker. 2023 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Basel.
Beles, belles…
Im Herzen des 13. Jahrhunderts, im nordfranzösischen Raum, entsteht ein ebenso seltenes wie faszinierendes poetisches Korpus: die chansons de toile, auch chansons d’histoire genannt. Diese in altfranzösischer Sprache (langue d’oïl) verfassten Gedichte, überliefert in mittelalterlichen Handschriften, verleihen einem weiblichen „Ich“ ihre Stimme, welches mit überraschender Kraft und zugleich grosser Zartheit das Recht auf liebendes Begehren einfordert.
Charakteristisch für diese Kompositionen ist die enge Verbindung von Erzählung und alltäglicher Geste: Die junge Protagonistin adligen Standes singt, während sie liest, webt oder stickt. Die Beschäftigung mit der toile, dem Stoff, ist dabei weit mehr als blosse Rahmung – sie wird zur Metapher einer sich dehnenden Zeit, des Wartens und der Trennung vom Geliebten. In einer Epoche, in der das höfische Ideal allmählich zu bröckeln beginnt, versuchen diese weiblichen Figuren, Langeweile und Verzweiflung durch Imagination und Gesang zu überwinden und verwandeln die häusliche Tätigkeit in einen Raum der Rêverie und der inneren Selbstbehauptung.
Schönheit und Begehren durchziehen diese Texte mit nahezu ritualhafter Eindringlichkeit: Das Adjektiv bele kehrt wie ein Leitmotiv wieder und beschwört leuchtende Gestalten wie Bele Yolanz oder Bele Doette. Weibliche Schönheit erscheint hier nicht als passives Objekt, sondern als aktive Kraft, die Wort, Musik und Erzählung hervorbringt. Zwischen archaisierender epischer Dichtung und Liebeslyrik zeichnen die chansons de toile vielfältige Wege der Liebe nach – geprägt von Distanz, Hindernissen und Schwebezuständen.
Aus musikalischer Perspektive sind diese Lieder wahre klangliche Kleinode. Die teils reich verzierten Melodielinien verlangen grosse interpretatorische Feinheit und lassen die Spannung der gedehnten Zeit sowie das unerfüllte Begehren besonders deutlich hervortreten. Ob von Frauen verfasst oder nicht: Die Stimme, die sie durchzieht, spricht von ihnen und für sie – jenseits der Grenzen der ihnen zugewiesenen geschlossenen Welt. Die musikalische Ausführung, orientiert am mittelalterlichen Ideal weiblicher Schönheit, wird so zu einem integralen Bestandteil des Ausdrucks amorösen Begehrens.
Diabolus in musica
Die musikalische Interpretation liegt in den Händen von Axelle Tamby Bernage, deren Stimme die chansons de toile mit Sensibilität und feiner Nuancierung zum Leben erweckt und die expressive Vielfalt dieses mittelalterlichen Repertoires ebenso wie die Tiefe seines weiblichen „Ichs“ hörbar macht. Auf der Fidel begleitet und kommentiert Nicolas Sansarlat, künstlerischer Leiter von Diabolus in musica, den Gesang, trägt die melodische Linie und verleiht ihr einen Klang, der Spannung, Erwartung und die Poesie der in diesen Liedern beschworenen schwebenden Zeit einfängt. Gemeinsam entwickeln die beiden Musiker:innen eine intime und zugleich raffinierte Interpretation, die die emotionale Kraft und die erstaunliche Modernität dieses Repertoires des 13. Jahrhunderts eindrucksvoll erfahrbar macht.
Sonntag, 1. November 2026
Familienkonzert mit Videoprojektionen
Reise in die Bilderwelt des Guillaume de Machaut
Ensemble Obsidienne
Emmanuel Bonnardot (Leitung), Hélène Moreau, Camille Bonnardot, Florence Jacquemart
Ort: Musikmuseum Basel
Kooperation mit dem Historischen Museum Basel
Im Anschluss: Führung durch das Musikmuseum, Stéphanie Berger, Mitarbeiterin Bildung & Vermittlung
Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Da die Anzahl der Plätze begrenzt ist, ist eine Reservation erforderlich.
Diese Reise in die Bilderwelt des Guillaume de Machaut lädt das Publikum zu einem immersiven Erlebnis ein, in dem Musik, Wort und Bild eng miteinander verwoben sind. Live-Musik tritt in einen Dialog mit den digital animierten Bildern von François Demerliac, die auf den Bildmalereien der Machaut-Handschriften der Bibliothèque nationale de France beruhen, Partnerin dieses Projekts. Mehr als hundert Miniaturen, vor über sechshundert Jahren auf Pergament gemalt, werden mithilfe raffinierter digitaler Techniken neu belebt und in einen dreidimensionalen Raum eingebettet, den eine virtuelle „Kamera“ durchquert.
Guillaume de Machaut (ca. 1300–1377) ist eine Schlüsselfigur der europäischen Musikgeschichte, der letzte grosse Dichter-Komponist der Tradition der Trouvères und zugleich ein zentraler Akteur bei der Entstehung der Ars Nova, der neuen Polyphonie des 14. Jahrhunderts. Machaut sorgte selbst für die Überlieferung seines Werks als ein einheitliches Korpus und hinterliess damit ein einzigartiges Zeugnis der mittelalterlichen Musikkultur. Im Zentrum des Projekts stehen zwei Handschriften von aussergewöhnlichem ikonographischem Reichtum: die Handschrift 1586, die älteste illustrierte Machaut-Handschrift, deren Entstehung vermutlich unter direkter Mitwirkung des Autors erfolgte, sowie die Handschrift 1584.
Obsidienne
Obsidienne wurde 1997 gegründet und zählt heute zu den massgebenden Ensembles für die Interpretation mittelalterlicher Musik. Seine Arbeit zeichnet sich durch die Feinheit der vokalen und instrumentalen Phrasierung, die sorgfältige Auseinandersetzung mit den Quellen sowie den lebendigen Zugang zur historischen Aufführungspraxis aus, der Interpretation und Improvisation verbindet. Das vokal-instrumentale Ensemble vereint Florence Jacquemart (Gesang, Flöten, Dudelsäcke), Hélène Moreau (Gesang, Psalterium, Perkussion), Camille Bonnardot (Gesang, Citole, Guiterne, Zink) und Emmanuel Bonnardot (Gesang, Viellen, Rebec, Crwth, Drehleier).
Seit 2009 in Residenz in Sens (Burgund) entwickelt Obsidienne das Forschungsprojekt „La chanson du Moyen Âge à nos jours“ („Das Lied vom Mittelalter bis heute“), in dessen Rahmen das Ensemble sein Repertoire erweitert und die Musik bewusst mit Poesie, Theater, Tanz und bildender Kunst verknüpft. Neben einer intensiven nationalen und internationalen Konzerttätigkeit engagiert sich Obsidienne in zahlreichen Vermittlungsprojekten für Menschen aller Alters- und Erfahrungsstufen. Seit 2019 organisiert das Ensemble zudem La Reverdie, ein wanderndes Frühlingsfestival im ländlichen Raum.
Buchpräsentation (in französischer Sprache)
Ségurant, le chevalier au dragon
Emanuele Arioli
Dauer: 45 Min.Ort: Schülerfoyer im Lohnhof, gegenüber dem Musikmuseum Basel
Kooperation mit dem Historischen Museum Basel
Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Da die Anzahl der Plätze begrenzt ist, ist eine Reservation erforderlich.
Ségurant übertraf alle Ritter seiner Zeit an Kraft und Tapferkeit und gewann jedes Ritterturnier, an dem er teilnahm, mit Bravour, bis er von den Feen Morgane und Sibylle verzaubert wurde, die ihn auf die Jagd nach einem feuerspeienden Drachen schickten.
Die aussergewöhnlichen Abenteuer dieses Ritters der Tafelrunde waren seit Jahrhunderten in Vergessenheit geraten. Sie wurden von einem jungen Mediävisten, Emanuele Arioli, wiederentdeckt, der die Bibliotheken ganz Europas auf der Suche nach den Manuskripten dieses Artusromans durchforstete. Nach mehr als zehn Jahren Recherche präsentiert Emanuele Arioli hier den Text dieses verschollenen Romans, illustriert mit den Miniaturen der Originalmanuskripte, damit ihn nun zum ersten Mal jeder lesen kann.
„Heute einen neuen Roman aus dem Mittelalter zu finden, einen unbekannten Artusroman, ist aussergewöhnlich. […] Die Rekonstruktion des gesamten Romans ist ein Meisterstück an Gelehrsamkeit, Intelligenz und Sensibilität.“ Michel Zink

© E. Arioli
Emanuele Arioli ist der Autor von Ségurant, le chevalier au dragon (Les Belles Lettres, 2023), das 2024 bereits ins Deutsche übersetzt wurde, Alexandre, l’Orphelin de la Table Ronde (Les Belles Lettres, 2024), Les chevaliers de la Table Ronde (Seuil, 2024) sowie Morgane (JC Lattès, 2026). Er ist ausserdem Mitautor der ARTE-Dokumentation Der Ritter mit dem Drachen und der gleichnamigen Comicreihe (Dargaud/Carlsen Comics) sowie Kolumnist der Sendung Le Fil Histoire auf France Culture. Als Archivpaläograph und promovierter Mediävist (Sorbonne – Collège de France) ist er Forschungsdirektor an der Autonomen Universität Barcelona, wo er das europäische Projekt CAROLUS (European Research Council) zur weltweiten Rezeption der karolingischen Epik leitet.
Workshop und Einführung (in französischer oder englischer Sprache)
Der Codex Calixtinus
Paloma Gutiérrez del Arroyo
Dauer: 75 Min.Ort: Musikmuseum Basel
Kooperation mit dem Historischen Museum Basel
Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Da die Anzahl der Plätze begrenzt ist, ist eine Reservation erforderlich.
Wie wurden mittelalterliche Lieder überliefert, bevor sie aufgeschrieben wurden? In diesem Workshop lernen die Teilnehmenden unter der Anleitung von Paloma Gutiérrez del Arroyo ein oder zwei Lieder aus dem berühmten Codex Calixtinus – ganz nach mittelalterlicher Tradition durch mündliche Überlieferung.
Dabei erhalten sie faszinierende Einblicke in die Geschichte dieses bedeutenden Manuskripts aus dem 12. Jahrhundert und in die mittelalterliche Gesangspraxis.
Erst am Ende wird auch das Manuskript hinzugezogen, so dass sich zur sinnlichen Erfahrung des Lernens über das Ohr auch die Freude des Auges gesellt, denn die musikalischen Aufzeichnungen waren in der Zeit kunstvoll ausgeführt und reich verziert.
Kurssprachen: französisch, englisch, Hände und Augen.

© R. Guantes
Paloma Gutiérrez del Arroyo ist Sängerin und Psalterspielerin. Seit seiner Gründung im Jahr 2015 ist sie Teil des Ensembles Cantaderas, das sich der traditionellen spanischen Musik und einigen mit ihr verbundenen Repertoires der Alten Musik widmet. Vor kurzem gründete sie das Projekt EVOCA (Exploración de la Vocalidad y la Oralidad del Canto Antiguo), das die Erforschung der mündlichen Tradition in den mittelalterlichen Praxisformen des monodischen und polyphonen Gesangs zum Ziel hat und 2021 und 2022 eine Künstlerresidenz in der Aula de Música de l’Universidad de Alcalá de Henares innehat.
Sie tritt auch im Duo mit dem Multiinstrumentalisten Bill Cooley, dem Harfenisten Manuel Vilas und mit den Sängerinnen Catherine Schroeder und Élodie Mourot auf und arbeitet zusammen mit spanischen, französischen und italienischen Ensembles und Projekten: Ars Combinatoria, Malandança, Rosace, Contrafacta, La compagnie Orion, Le jardin des délices, Dialogos, La Frottola und La Reverdie. Sie hat als Musikerin ebenfalls im Theater gearbeitet mit der spanischen Gruppe Los hedonistas und der französischen Gruppe Théâtre 5 sowie im Duo mit der Schauspielerin Carole Visconti. Sie hat mit „Sponsus“, einem Oratorium des Komponisten Sasha Zamler-Carhart (Toulouse 2012), einen Abstecher in das zeitgenössische Repertoire unternommen.
Konzert
Héroïnes
Ensemble Cum Jubilo
Laurence Esquieu, Angélique Greuter, Ivana Sofia Ivanovic, Sarah Richards
Mark Searle, Lichtkreation
Mit Beteiligung des Theater-Ateliers der Saint Charles International School von Porrentruy (JU)
Ort: Dorfkirche Riehen
Héroïnes besingt die bedeutenden Frauenfiguren des Mittelalters: Maria, Radegunde, Eleonore von Aquitanien, Katharina von Alexandrien und Hildegard von Bingen. Königinnen, Heilige, Mystikerinnen und Dichterinnen prägten das geistliche, politische und kulturelle Leben ihrer Zeit – und inspirieren uns bis heute.
Das Programm verbindet einstimmige und mehrstimmige Gesänge, Solostücke und gemeinsame Gesänge: Cantigas, Motetten, Hymnen, Antiphonen und Lieder aus diversen mittelalterlichen Handschriften. Die Musik erklingt überwiegend a cappella, ergänzt durch Fidel und Organetto. Historische Texte eröffnen Einblicke in die Denk- und Gefühlswelt der Zeit und lassen die schriftlichen Zeugnisse des Mittelalters unmittelbar mit der Musik in Dialog treten. Ein zeitgenössisches Werk von Patrick Burgan auf ein Gedicht von Teresa von Ávila schlägt dabei eine Brücke zur Gegenwart.
Die räumliche Verteilung der Sängerinnen in der Kirche und ihre warmen, ausdrucksstarken Stimmen machen den Konzertabend zu einem unmittelbaren Hörerlebnis.
Das Programm wurde von Catherine Ravenne, der kürzlich verstorbenen Gründerin des Ensembles, konzipiert und wird nun von den Sängerinnen von Cum Jubilo weitergeführt. Ohne sich ausdrücklich als Hommage zu verstehen, setzt Héroïnes ihre künstlerische Perspektive und ihren hohen musikalischen Anspruch fort – als lebendiges Weiterführen ihrer bemerkenswerten Arbeit.

© Philippe Mazère
Cum Jubilo
Das Ensemble Cum Jubilo widmet sich der Musik aus mittelalterlichen Handschriften und verbindet eine auf Quellenstudium basierende Herangehensweise mit einer lebendigen und ausdrucksstarken Interpretation. Die Sängerinnen erschließen sakrale und weltliche Repertoires unterschiedlicher Traditionen und bringen sowohl bekannte Werke als auch selten aufgeführte oder wiederentdeckte Stücke zum Klingen.
Die Programme entstehen aus einer intensiven Auseinandersetzung mit den historischen Quellen und lassen mittelalterliche Musik mit Literatur, zeitgenössischem Schaffen und einer räumlichen Gestaltung der Konzerte in Dialog treten. Das Ensemble arbeitet regelmässig mit Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart zusammen.
Cum Jubilo wurde 2004 von der Sängerin Catherine Ravenne gegründet, die die Identität des Ensembles durch ihre intensive Beschäftigung mit dem Repertoire und ihre Vorstellung eines freien, eng am Text orientierten und lebendigen Gesangs geprägt hat. Heute führen die Sängerinnen des Ensembles ihre Arbeit weiter.
Vorprogramm: Theater-Atelier der Saint Charles International School
Im Rahmen eines schulischen Theaterprojekts setzen sich Schülerinnen und Schüler der Saint Charles International School von Porrentruy (JU) mit der Figur der Aliénor von Aquitanien und der Musik ihrer Zeit auseinander. Begleitet von Angélique Greuter entdecken sie mittelalterliches Repertoire und entwickeln daraus eine kurze szenische Präsentation.
Das Theater-Atelier eröffnet den Konzertabend und gibt dem Publikum einen Einblick in seine Auseinandersetzung mit der Welt des Mittelalters. Zum Abschluss des Konzerts werden die Schülerinnen und Schüler zudem gemeinsam mit Cum Jubilo singen.
Festival Konzept
PROZ Magazin
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